Kontraste

Ein Fotoprojekt der Jugend- und Drogenberatung Wolfsburg

Am 21. Juli 2016 ist Nationaler Gedenktag für verstorbene Drogenabhängige (siehe unten). Die Jugend- und Drogenberatung möchte in diesem Jahr mit der Ausstellung eines Fotoprojekts im Rathaus der Stadt Wolfsburg auf diesen Gedenktag aufmerksam machen.

Die SonderBar, das Kontaktcafé für Abhängige von so genannten „harten Drogen“ in der Wolfsburger Innenstadt, hat vor einigen Monaten ein Low-Budget-Fotoprojekt ins Leben gerufen. Die Grundidee: Es werden ausgemusterte Digitalkameras an die Besucher ausgegeben, die damit ihren Alltag oder außergewöhnliche Dinge ihres Lebens fotografieren können. Die Bilder werden uns zur Verfügung gestellt und die Kameras können (vielleicht auch zur weiteren Beteiligung am Projekt) behalten werden.

Die Grundidee ist nicht neu. Dennoch waren wir sehr gespannt, wie die Beteiligung sein würde und was wir an Motiven zu sehen bekommen.

Mal wieder typisch

Die Beteiligung am Projekt nahm eine für die offene Drogenhilfe typische Entwicklung. Viele Besucher sind begeistert: man bekommt eine Kamera und die Gelegenheit die eigene Lebenswelt auch mal den „normalen“ Leuten zu zeigen. Man wird durch das Fotografieren vielleicht auch ein wenig aus dem eintönigen Alltag geführt.
„Ich mach da auf jeden Fall mit“ hören wir häufig. Also gut: wir starten das Ganze. Kameras werden eingetrieben, Speicherkarten und Batterien besorgt, die Ausstellungsfläche wird reserviert.

Es kommt wie so häufig in unserer Arbeit: Ortswechsel, Szenewechsel, Motivationswechsel. Besucher gehen in Haft, zur Therapie, in andere Städte, Verlieren die Lust oder haben suchtbedingt einfach keine Zeit und Muße für solche Projekte. Sucht und Freiraum für Kreativität lassen sich in dieser Nische der Gesellschaft kaum vereinbaren.

Es bleiben gerade einmal eine Frau und ein Mann übrig, die das Projekt tatsächlich angehen. Die Bilder kommen nur schleppend und nicht besonders zahlreich an. Wir überlegen mehrmals, die Ausstellung zu stoppen. Zum Glück sind wir aber mutig und zuversichtlich geblieben.

Keine Kunst

Nein, diese Aufnahmen sind nun wirklich keine handwerklichen Meisterleistungen. Unscharf, falsch belichtet. Keine Kunst im üblichen Sinn, Momentaufnahmen, profane Beobachtungen, kleine Einblicke in eine andere Welt.
Aber authentisch und im Zusammenhang durchaus hintersinnig. Zum Beispiel hat für einen alkoholsüchtigen Menschen morgens der Slogan „Erst mal zu Penny“ eine andere Bedeutung als für uns. Das Zirkuszelt auf dem Mittellandkanal: nicht weit entfernt und doch unerreichbar. Das Graffiti „No Future here“ auf der Obdachlosenunterkunft entfaltet seine ganze Bitterkeit, wenn man im „here“ lebt.

Je öfter ich mir diese Bilder angesehen habe, desto mehr gefallen mir die kleinen Details, die mich aus meiner Welt auf die andere Seite führen.

Kein Mitleid

Keinem der Beteiligten wäre in den Sinn gekommen, die Bilder zum Erzeugen von Mitleid zu benutzen. Es geht hier lediglich um die Abbildung eines kleinen und auch subjektiven Teils der Realität. Gerade weil sich so viele Mythen um Drogen und Drogenkonsumenten ranken, ist das bereichernd.
Der Weg in die Abhängigkeit hat bei vielen Menschen, die ich in der Arbeit ken-nengelernt habe, etwas tragisches, vielleicht auch Unausweichliches. Vernachlässigung, psychische Störungen, Gewalterfahrungen, sexuelle Gewalt. Die Entstehung der Abhängigkeit hat oft etwas Schicksalhaftes. Auf jeden Fall nichts moralisch Verwerfliches.

Die Aufrechterhaltung des Dogenkonsums ist aber zu einem gewissen Teil auch immer ein selbstgewähltes Schicksal. Wenn die Entscheidung „Weitermachen“ immer wieder getroffen wird führt man im Prinzip ja ein selbstbestimmtes Leben und ist kein Opfer. Viele versuchen mit einer Art Selbstmedikation -bewusst oder unbewusst- die Wunden ihrer Vergangenheit zu heilen. Mitleid ist da weder hilfreich noch angebracht.

Es geht vielleicht auch anders

Hier schließt sich der Kreis zum Tag der Drogentoten. Es geht uns darum, auf die Umstände aufmerksam zu machen, die durch die Illegalisierung von Drogen entstehen. Es geht in unserer täglichen Arbeit im Kern oft um die Frage, ob man als Drogenkonsument tatsächlich ein derart schlechtes Leben führen muss. Bei aller Selbstverantwortung der Konsumenten sehen wir aus fachlicher Sicht die reine Verbotspolitik als gescheitert.

Eine Übersicht der Forderungen von Fachverbänden und Experten, denen sich die Jugend- und Drogenberatung anschließen möchte, finden Sie in der Pressemitteilung zum Alternativen Drogen- und Suchtbericht vom 06.06.2016.

Udo Eisenbarth
Jugend- und Drogenberatung Wolfsburg
seit 1999 Leiter der SonderBar

Zu den Bildern der Ausstellung

21. Juli - Nationaler Gedenktag für verstorbene Drogenabhängige

Protest-, Aktions- und Trauertag

Das Thema Tod begleitet uns ständig durch unsere tägliche Arbeit. Immer wieder versterben Klienten / Besucher unserer Einrichtungen an den Folgen schlechter Konsum- und Lebensbedingungen. Die Illegalisierung von Drogen führt in vielen Fällen zu einem so schlechten Allgemeinzustand, dass die Lebenserwartung deutlich sinkt und die Gefahr einer unbeabsichtigten Überdosierung steigt.

Zu den festen jährlichen Terminen zählt seit der Jahrtausendwende der „Nationale Gedenktag für verstorbene Drogenabhängige“ am 21. Juli. Zum ersten Gedenktag, der im Jahr 1998 in Gladbeck begangen wurde, hatte der Landesver-band der Eltern und Angehörigen für humane und akzeptierende Drogenarbeit NRW aufgerufen - weitere Verbände schlossen sich dem Aufruf später an. In diesem Jahr möchte sich die Jugend- und Drogenberatung Wolfsburg mit einer kleinen Fotoausstellung beteiligen.

Worum es geht

Der Gedenktag wird an vielen Orten durchgeführt. Neben dem Gedenken an die verstorbenen Drogenkonsumenten wird der Tag auch immer wieder genutzt, um auf die Missstände der gegenwärtigen Drogenpolitik hinzuweisen und Verbesserungen für die Zukunft zu fordern.