Abhängigkeit

Wir möchten Ihnen hier einige Grundbegriffe und Erkenntnisse der Abhängigkeitsforschung näher bringen und Ihnen ermöglichen, das Phänomen Abhängigkeitserkrankung besser zu verstehen.

Wenn Sie Ihren eigenen Konsum, bzw. Ihr eigenes Verhalten überprüfen und einordnen möchten, empfehlen wir den Bereich Klärung.

Definition

Die WHO definiert Abhängigkeit als einen seelischen, eventuell auch körperlichen Zustand, der dadurch charakterisiert ist, dass ein Mensch trotz körperlicher, seelischer oder sozialer Nachteile ein unüberwindbares Verlangen nach einer bestimmten Substanz oder einem bestimmten Verhalten empfindet, das er nicht mehr steuern kann und von dem er beherrscht wird.

Durch zunehmende Gewöhnung besteht die Tendenz, die Dosis der Substanz bzw. die Häufigkeit der Handlung zu steigern. Einer Abhängigkeit liegt der Drang zugrunde, die psychischen Wirkungen des Suchtmittels/der Handlung zu erfahren, zunehmend auch das Bedürfnis, unangenehme Auswirkungen ihres Fehlens (Entzugserscheinungen wie Unruhe, Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Angstzustände, Schweißausbrüche) zu vermeiden. Abhängigkeit wird heute als Krankheit angesehen.

Psychische und physische Abhängigkeit

Als verschiedene Formen von Abhängigkeit werden psychische und physische (körperliche) Abhängigkeit unterschieden:

  • Psychische Substanzabhängigkeit ist definiert als übermächtiges, unwiderstehliches Verlangen, eine bestimmte Substanz immer wieder einzunehmen bzw. eine bestimmte Handlung immer wieder auszuführen, um ein Lustgefühl zu erlangen und/oder ein Unlustgefühl zu vermeiden.
  • Physische (körperliche) Abhängigkeit ist charakterisiert durch eine Toleranzentwicklung, die zu Dosissteigerung führt sowie durch das Auftreten von körperlichen Entzugserscheinungen bei Absetzen der Substanz/Unterdrückung der Handlung (z.B. Zittern, Unruhe, Schweißausbrüche).

Stoffgebundene und nicht-stoffgebundene Abhängigkeit

Man kann zwischen zwei weiteren Kategorien unterscheiden:

  • stoffgebundene Abgängigkeit
    Genussmittel (Koffein, Nikotin, etc.), Alkohol, Medikamente, illegale Drogen, Schnüffelstoffe, etc.
  • nicht-stoffgebundene Abhängigkeit
    Glücksspielsucht, PC-Sucht/Online-Sucht, Arbeitssucht, Sammelsucht, Kleptomanie ('Stehlsucht'), etc.

Stoffgebundene Abhängigkeit

Jeder Stoff, der angenehme Gefühle verschafft, birgt das Risiko, davon abhängig zu werden. In den meisten Fällen entsteht nur durch Einnahme eines Stoffes natürlich nicht zwingend eine Abhängigkeit. Jedoch beinhaltet jede Suchtgeschichte immer eine erstmalige Einnahme irgendeines Suchtmittels.

Viele Suchtkranke sind darüber hinaus nicht nur von einer Substanz abhängig, oft liegt eine Mehrfachabhängigkeit vor, z.B. von Alkohol und Tabletten.

Entstehung und Entwicklung

Für die Entstehung und Entwicklung einer Substanzabhängigkeit wird das Zusammenwirken verschiedener Faktoren angenommen:

  • Die Droge

    Ob sich eine Abhängigkeit entwickelt, hängt u.a. von bestimmten Merkmalen der Substanz ab. Zum einen ist entscheidend, wie leicht verfügbar eine bestimmte Substanz ist. Darüber hinaus spielt die individuelle Wirkung der jeweiligen Substanz eine wichtige Rolle. So führt z.B. Alkoholkonsum zur Enthemmung und löst Ängste. Bei Medikamentenabhängigkeit steht zumindest am Anfang die schmerzlindernde oder beruhigende Wirkung im Vordergrund.

    Ein weiteres einflussreiches Merkmal der Substanz ist ihr Abhängigkeitspotential, das heißt, wie leicht sie zu psychischer oder körperlicher Abhängigkeit führt. Das Abhängigkeitspotential darf aber nicht als eine feste Größe betrachtet werden. Zwar führen einige Substanzen schneller zu Abhängigkeit als andere, andere Faktoren, wie z.B. die Persönlichkeit des Konsumenten spielen aber eine entscheidende Rolle. Auch ist die Toleranz für die jeweilige Substanz individuell unterschiedlich.

  • Das Individuum

    Auf Seiten des Individuums stehen u.a. folgende Faktoren im Zusammenhang mit Abhängigkeit: andere psychische Erkrankungen (z.B. Depression, Angststörungen), Selbstunsicherheit und Komplexe, Spaß an Verbotenem und Risiko, Langeweile, Beeinflussbarkeit, Problemverdrängung, Leistungssteigerung, Kontaktstörungen und Geltungsdrang. Solche Faktoren führen in Kombination mit der Drogenwirkung dazu, dass Abhängigkeit geradezu erlernt wird. Auch genetische Faktoren scheinen beteiligt zu sein.

  • Situation und soziales Umfeld

    Die Umwelt übt auf verschiedenen Ebenen Einfluss auf die Entstehung von Abhängigkeit aus. So ist beispielsweise in unserer Gesellschaft Alkoholkonsum nicht nur toleriert, sondern gehört fast schon zum Alltag. In bestimmten Gruppen (z.B. Vereinen) gibt es feste Trinkrituale, Abstinenz wird verlacht, Trinkfestigkeit gelobt. In anderen Kreisen gilt z.B. Kokain als chic. Auch ideologische Faktoren spielen eine Rolle. In der Hippie-Bewegung gehörte beispielsweise Haschisch zum Lebensgefühl.

Wann liegt eine Abhängigkeit vor?

Gemäß der Diagnostik der hier zu Lande gebräuchlichen ICD-10 liegt eine Abhängigkeit vor, wenn mindestens drei der folgenden Kriterien zutreffen:

  • übermächtiger Wunsch/starkes Verlangen, eine bestimmte Substanz zu konsumieren
  • verminderte Kontrollfähigkeit (was den Beginn, die Beendigung und die Menge des Konsums betrifft)
  • körperliche Entzugssymptome bei Beendigung des Konsums
    (siehe auch Was sind Entzugserscheinungen?)
  • Konsum, um die Entzugssymptome zu mildern
  • Toleranzbildung: Konsum immer größerer Mengen, um den gewünschten Effekt zu erzielen
  • eingeengtes Verhaltensmuster auf den Konsum, d.h. Vernachlässigung anderer Interessen und Verpflichtungen: die Droge wird zum Lebensmittelpunkt
  • anhaltender Substanzkonsum trotz Nachweis schädlicher Folgen (körperlich, psychisch, sozial)

Nicht-stoffgebundene Abhängigkeit

Ähnlich, wie unser Belohnungssystem im Gehirn von Substanzen angesprochen werden kann, sprechen Forschungsbefunde dafür, dass dieses auch durch Verhaltensweisen möglich ist (PC-Spielen, Chatten, Glücksspiel, Arbeiten, Sport, Einkaufen etc.).

Grundsätzlich könnte so eine Abhängigkeit nicht nur von psychotropen Substanzen möglich sein, sondern auch von bestimmten Verhaltensweisen.

Die folgende Tabelle zeigt eine Gegenüberstellung von Kennzeichen der PC-Spielsucht, des pathologischen Glücksspiels sowie der Substanzabhängigkeit:

PC-Spielsucht Glücksspielsucht Stoffgebundene Abhängigkeit
unwiderstehliches Verlangen, das Spiel spielen zu wollen / müssen unwiderstehlicher Drang, zu spielen starker Wunsch bzw. Zwang (Verlangen), die Substanz zu konsumieren
Es wird länger und häufiger gespielt, um den gewünschten Effekt zu erzielen
Bei gleich bleibender Spieldauer und Häufigkeit bleibt die gewünschte Wirkung aus
Bedürfnis, mit immer höheren Einsätzen zu spielen, um die gewünschte Erregung zu erreichen Toleranzentwicklung, d.h. Dosissteigerung, um den gewünschten Substanzeffekt zu verspüren
Psychische und körperliche Entzugserscheinungen können sich bei Abstinenz bzw. bei Konfrontation mit ans Spielen erinnernde Reize einstellen Unruhe und Reizbarkeit beim Versuch, das Spielen einzuschränken oder aufzugeben Körperliches Entzugssyndrom
Kontrollverlust bezüglich Dauer und Häufigkeit des Spielens Wiederholt erfolglose Versuche, das Spielen zu kontrollieren, einzuschränken oder aufzugeben; Versuche, verlorenes Geld "zurück zu gewinnen" Verminderte Kontrolle über Beginn, Beendigung und Menge der konsumierten Substanz
Fortsetzung des Spielens trotz schädlicher Folgen (gesundheitlich, beruflich, sozial) Fortsetzung des Spielens trotz schädlicher Folgen (gesundheitlich, beruflich, sozial) Fortsetzung des Konsums trotz schädlicher Folgen (gesundheitlich, beruflich, sozial)

Im Bezug auf die genaue diagnostische Einordnung bleibt bisher umstritten, ob man von Verhaltensabhängigkeiten spricht oder aber von einer Störung der Impulskontrolle. In der aktuellen Version der Internationalen Klassifikation psychischer Erkrankungen (ICD-10) gibt es unter den Impulskontrollstörungen bereits die Diagnose des pathologischen Glücksspiels (F63.0). Eine PC-Spielsucht, Arbeitssucht o.ä. hingegen haben bisher noch keinen Eingang in das Diagnosesystem gefunden.

Behelfsmäßig werden diese aktuell unter der Kategorie F63.9 (Abnorme Gewohnheit und Störung der Impulskontrolle, nicht näher bezeichnet) diagnostiziert. Dennoch gibt es mittlerweile auch für diesen Problembereich Beratungs- und Therapieangebote.

Bei Nachfragen können Sie sich gerne an uns wenden.

Folgen

Jeder Missbrauch von Substanzen kann gefährlich sein, jede Abhängigkeit hat mehr oder weniger schlimme Folgen für den daran Erkrankten, für seine Umgebung sowie für die Gesellschaft:

  • Körperliche Folgeerkrankungen bis hin zur Lebensgefahr durch Überdosierung
  • Anfälligkeit für Verletzungen, Unfälle, Infektionen
  • Psychische Folgen/Erkrankungen wie Depression, Schlafstörungen, Konzentrationsstörungen, Verlangsamung bis hin zur Veränderung der Persönlichkeit.
  • Soziale Konsequenzen wie Schulden, Arbeitslosigkeit, Kriminalisierung, Verlust alter Freunde, Streit bis hin zur Gewalt in der Familie.

Behandlung

Es gibt zahlreiche Behandlungsmöglichkeiten für Abhängigkeitserkrankungen. Alle setzen jedoch unbedingt die Mitwirkung des Betroffenen (teilweise auch die der Angehörigen) voraus. Daher ist zumindest ein gewisser Anteil an Eigenmotivation für eine Behandlung unbedingte Voraussetzung für deren Erfolg.

Mehr dazu finden Sie im Bereich Hilfe für Konsumenten.

Kontakt zur Beratungsstelle

Trotz weiter Verbreitung von Abhängigkeiten ist dieses Thema häufig noch tabuisiert. Darüber hinaus ist ein Teil der Suchtmittel illegal. Daher bieten die Beratungsstellen ihre Hilfe auch dann an, wenn der Hilfesuchende anonym bleiben möchte. Außerdem unterliegen die Berater der Schweigepflicht, d.h. sie dürfen an Außenstehende (auch Eltern, andere Angehörige, Polizei, etc.) keine Informationen weitergeben.

Das Thema Abhängigkeit sollte weder dramatisiert noch verharmlost werden. Betroffene oder Angehörige sollten daher bei Fragen die professionelle Hilfe von (Drogen-)Beratungsstellen in Anspruch nehmen.

Maßnahmen zur Reduzierung von Gefahren bei Drogenkonsum

Der wirksamste Schutz vor negativen Folgen des Drogenkonsums ist und bleibt natürlich, keine Drogen zu konsumieren.
Wie aber beschrieben wurde, ist Abhängigkeit ein unüberwindbares Verlangen, sich eine bestimmte Substanz zuzuführen. Dieser übermäßige Zwang zu konsumieren erschwert oder verhindert oft eine vernünftige Gefahreneinschätzung. Es muss - und das bestätigen auch unsere Beobachtungen bei schwer abhängigen Personen - also davon ausgegangen werden, dass unter allen Umständen konsumiert wird.

Illegale Drogen und riskanter Konsum

Illegale Drogen werden auf dem Schwarzmarkt erworben. Sie können gefährlich verunreinigt sein, in der Dosis des Wirkstoffes gefährlich schwanken oder unerwartete Substanzen enthalten. Dies gilt besonders für Heroin, Kokain, Ecstasy und Speed.

Insbesondere der intravenöse Konsum von Drogen, aber auch die Zubereitung von Konsumeinheiten oder das injizieren von dafür nicht vorgesehenen Stoffen, bergen das Risiko von Überdosierung, Infektion mit ansteckenden Krankheiten (z.B. HIV, Hepatitis) oder anderen Krankheitserregern. Schwerwiegende und langwierige Erkrankungen können die Folge sein.

Auch Mischkonsum - also das gleichzeitige oder in enger zeitlicher Folge Konsumieren verschiedener Substanzen - birgt ein erhebliches Risiko der Überdosierung.

Harm Reduction

Harm Reduction (engl.) heißt wörtlich Schadensbegrenzung. Im Rahmen akzeptierender Drogenarbeit ist es die Bezeichnung für einen Umgang mit (illegalen) Drogen, der darauf abzielt, das Risiko gesundheitlicher, psychischer und sozialer Schäden durch Drogenkonsum zu vermeiden oder zu verringern.

Eine akzeptierende Haltung, die wir auch in einigen Bereichen vetreten, befürwortet alle vertretbaren Hilfen für Personen, die unter allen Umständen konsumieren, um diese Umstände aus medizinischen, humanitären und sozialen Gründen zu verbessern.

Unsere Haltung bedeutet nicht, dass wir den Drogenkonsum fördern oder die Zeit der Abhängigkeit verlängern möchten. Sie bedeutet auch nicht, dass wir Menschen aus ihrer Verantwortung gegenüber sich selbst, ihrem Umfeld oder der Gesellschaft entlassen möchten.

Unsere Haltung bedeutet vielmehr, dass wir akzeptieren, dass Menschen zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht bereit und/oder nicht in der Lage sind, ihren Drogenkonsum einzustellen.
Wir gehen davon aus, dass jeder dieser Menschen seine individuellen Gründe und Motive für seinen Konsum hat.
Wir sehen es als notwendig an, jedem unsere Hilfen anzubieten - unabhängig davon, ob die Person ihr Leben verändern möchte oder nicht.

Safer Use

Safer Use (engl.) bedeutet den Umgang mit Drogen sicherer bzw. möglichst sicher zu machen. Wie bereits beschrieben, kann es unter den Umständen der Illegalität eigentlich keinen sicheren Drogen­konsum geben. Um Drogenkonsumenten die Chance zu geben, sterile Konsumutensilien zu benut­zen, bieten wir einen kostenlosen Tausch von gebrauchten gegen neue Spritzen an.
Safer Use bedeutet für uns aber auch, besonderen Wert auf die Rückgabe gebrauchter Spritzutensi­lien zu legen, um die Allgemeinheit vor herumliegenden infektiösen Spritzen zu schützen.
Wir versuchen darüber hinaus, Konsumenten über die gesundheitlichen Risiken von intravenösem Konsum und risikoärmere Konsumformen aufzuklären (siehe hierzu auch die Beiträge Szenecafé SonderBar und Spritzentausch / Spritzenautomat).

Substitution

Substitution bedeutet Ersatz und meint in der modernen Drogenhilfe die legale und kontrollierte Ersetzung des Suchtstoffs bei bestehender Opiatabhängigkeit. Substitution beseitigt nicht die Abhängigkeit. Die bisher konsumierte Droge (meist Heroin) wird nur durch einen ähnlich wirkenden Stoff (meist Methadon, Buprenorphin oder Diamorphin) ersetzt. Bei optimaler Dosierung wird das Verlangen nach der Substanz gestillt und Entzugserscheinungen verhindert.

Die tägliche Drogenbeschaffung, verbunden mit Kriminalität und teilweise Prostitution, entfällt. Gesundheitliche Schädigungen durch verunreinigte Drogen werden vermieden, der Ersatzstoff ist ein pharmazeutisches, kontrolliert hergestelltes Produkt. Die Vergabe- und die Einnahmeformen von Ersatzstoffen ermöglichen es, einige der sonst drohenden Gesundheitsrisiken zu verringern, z.B. Abszesse, Venenentzündungen, Hepatitis und HIV-Infektion.

Siehe hierzu auch die Artikel Psychosoziale Betreuung und Substitution.